Fussgängerzone im Rathausquartier

Förderer des Projekts "Stadtraum für Menschen"

 

ALLE MACHEN STADT!

Unter diesem Motto hat die Initiative "Altstadt für Alle!" im Sommer 2019 zusammen mit vielen MitmacherInnen und UnterstützerInnen die Hamburger Innenstadt belebt. Der folgende Text kann im Servicebereich als PDF heruntergeladen werden.

Pilotprojekt übertrifft Erwartungen

Hamburg, 28. Oktober 2019. Das Pilotprojekt „Stadtraum für Menschen“ der Initiative „Altstadt für Alle!“ hat die Erwartungen erheblich übertroffen. Image und Qualität des Quartiers haben sich deutlich verbessert, die Umsätze von Gastronomen und der Mehrzahl der Einzelhändler sind gestiegen. Über 90 Prozent wünschen sich eine Fortsetzung im Jahr 2020.

Seit dem 1. August 2019 sind die Kleine Johannisstraße und die Schauenburger Straße Schauplatz eines bislang einzigartigen Experiments: Entwickelt, beantragt und gemanagt von der Initiative „Altstadt für Alle!“ gibt es hier eine Fußgängerzone. Ziel ist es, zu erproben, ob und wie sich die Innenstadt durch eine andere Nutzung des öffentlichen Raums beleben lässt. Jetzt steht fest: „Wir haben mit großem Erfolg gezeigt, wie sich die Innenstadt beleben und neu gestalten lässt. Unsere zivilgesellschaftliche Handschrift, der umfassende Dialog mit allen Akteuren, aber auch viel Spontaneität und Kreativität haben zu diesem Erfolg entscheidend beigetragen“, betont Johannes Jörn vom Vorstand der Patriotischen Gesellschaft von 1765.

Neue Erkenntnisse für die Innenstadtentwicklung

Der Verlauf des Pilotprojektes Fußgängerzone (s.u.) und die Erfahrungen aus anderen Innenstadtprojekten belegen, dass sich mit neuen Formen der Projektdurchführung schnell, einvernehmlich und kostengünstig Stadterneuerung realisieren lässt.

Temporäre Projekte. Stadtraumgestaltung auszuprobieren, bevor man sie in Beton gießt, ist in Hamburg bislang nicht üblich. Beim mehrfachen Umbau des Mühlenkamps, der Osterstraße, der Fahrradstraße an der Alster sowie von Kreuzungen im Rahmen des Busbeschleunigungs-programms wurde hier Lehrgeld bezahlt. Mit temporären Projekten, wie jetzt im Rat­haus-quartier und in Ottensen, lässt sich die Stadtzukunft dagegen preiswert erproben. Neue Erkenntnisse lassen sich schon während der Projektphase gleich umsetzen. Projekte auf Zeit lösen zudem weniger Ängste bei Betroffenen aus und eröffnen Mit­mach‑Optionen. Hamburg, so eine Forderung der Workshopveranstaltung „Alle machen Stadt!“ am 25. Oktober 2019 sollte unbedingt Fonds bzw. Finanzierungen für derartige Projekte einrichten.

Schrittweise Entwicklung. Stadtgestaltung in Schritten ist ebenfalls kostengünstig und lässt sich gut in temporäre Projekte integrieren. Eine zweite Fußgängerzone auf Zeit im Rathausquartier könnte, z.B. mit einem anderen zeitlichen und räumlichen Zuschnitt, auf den Erfahrungen des diesjährigen Projektes aufbauen und einer späteren endgültigen baulichen Realisierung vorgeschaltet werden.

Zivilgesellschaftliche Initiative statt bloßer Bürgerbeteiligung. „Die Planung vom Kopf endlich auf die Füße stellen“, nannte eine Workshopteilnehmerin am 25. Oktober es:  Alle vier Projekte von „Altstadt für Alle!“ im Sommer 2019 sind zivilgesellschaftliche Initiativen, an deren Umsetzung später die Politik beteiligt wurde. Derartige Initiativen eröffnen neue Gestaltungsräume für Politik und Verwaltung, aber auch für Investoren und andere Akteure.

Innenstadtbelebung im Sommer 2019

Neben dem Pilotprojekt „Stadtraum für Menschen“ war und ist „Altstadt für Alle!“ mit drei weiteren Projekten im Herzen Hamburgs aktiv:

  • Den Beginn machte das Stadtlabor Altstadt neu denken im Rahmen des Hamburger Architektursommers 2019. Kunstinstallationen und Stadtexpeditionen vom Hopfenmarkt aus zu Kraftorten und Potenzialräumen auf Hamburgs Gründungsinseln Grimm, Cremon, Neustadtinsel und Altstadtinsel eröffneten Perspektiven für die Weiterentwicklung der Innenstadt (altstadtneudenken.de).
  • Das Programm Auf die Plätze! der Hauptkirche St. Petri (sankt-petri.de) hat den oft so toten „Speersort“ südlich der Kirche mit innovativen Sitzgelegenheiten, etwas Grün, viel Tanzen, Kino, Kochen, Singen, Spiritualität und Gesprächen von August bis September in einen lebendigen Begegnungsort verwandelt.
  • Das Projekt Gröninger Hof: Im Oktober 2017 stellte „Altstadt für Alle!“ auf der Ideenwerkstatt „Mut zu Stadt!“ den Umbau des Parkhauses Katharinenkirche in ein soziales Wohnprojekt mit aktiver Erdgeschosszone für das Katharinenquartier erstmals vor. Inzwischen steht fest: Das Projekt wird realisiert. Am 31. Oktober 2019 endet die Ausschreibungsfrist für ein am Gemeinwohl orientiertes Pilotprojekt der Stadt Hamburg. Die in Zusammenarbeit mit „Altstadt für Alle!“ gegründete Genossenschaft „Gröninger Hof“ bewirbt sich für die Realisierung (https://groeninger‑hof.de).

Das Pilotprojekt „Stadtraum Für Menschen“ im Überblick

Vorgeschichte: Im Mai 2018 entsteht auf der Ideenwerkstatt „Stadtumbau jetzt!“ spontan die Idee, mit einer autofreien Zone auf Zeit den Umbau des öffentlichen Raums praktisch zu erproben. In Workshops, Gesprächen und fachlicher Planungsarbeit wird die Fußgängerzone entwickelt. Im März 2019 beschließt die Bezirksversammlung Mitte, das Projekt finanziell zu unterstützen und zu genehmigen. Die Voraussetzung: Es muss erfolgreich mit Akteuren im Quartier, der Handelskammer sowie Polizei und Verkehrsbehörden abgestimmt werden. Damit beginnt eine Parforce-Jagd mit öffentlichen Veranstaltungen, Gesprächen vor allem aber einem komplexen Abstimmungsprocedere. Die 21. Planvariante wird schließlich wenige Tage vor dem 1. August genehmigt.

Realisierung: Die extrem kurze Vorbereitung erfordert einen improvisierten Start. Nach der offiziellen Eröffnung der Fußgängerzone am 8. August 2019 mit einem Festakt entwickelt sich der Stadtraum Tag für Tag weiter: Eine Sitzgruppe vor dem Friseur, eine Tischtennisplatte vor dem Herrenausstatter, kleine mobile Gärten von GRAU TRIFFT GRÜN, mobile Holzbänke und Sitzquadrate des Kollektivs LU’UM und gastronomische Angebote auf ehemaligen Parkplätzen laden ein zum Verweilen. Kunstinstallationen, Kulturelle Angebote und Aktionen beleben das Straßenkreuz – mit dem Liveact der schwedischen Indieband Bland vor der Theaterkasse Schumacher über Haustürkonzerte, Tango und Yoga bis zu Informationsveranstaltungen.

Auswertung: Die folgenden Ergebnisse basieren auf einer Online-Umfrage mit 804 Teilnehmer*nnen, überwiegend aus dem Quartier, sowie Workshops und Einzelgesprächen zwischen dem 21. und 25. Oktober 2019. Ergänzt wird dies durch Verkehrszählungen in der Zeit von 8 bis 11 Uhr zwischen dem 6. August und dem 7. Oktober 2019.

 

UMFRAGEERGEBNISSE

Positiv

Negativ

Unverändert

Zufriedenheit

85%

14%

1%

Lebensqualität

93%

3%

4%

Quartiersimage

90%

3%

7%

Gestaltung/Optik

85%

10%

4%

Sicherheit

84%

2%

13%

Nachbarschaftsgefühl

81%

3%

16%

Verkehrskonflikte

80%

5%

15%

Lärm

76%

5%

19%

Lieferverkehr

27%

20%

53%

Fortsetzung gewünscht

93%

6%

1%

Umsatzentwicklung: Die Gastronomiebetriebe verzeichnen eine bessere bis deutlich bessere Umsatzentwicklung. Differenzierter der Trend beim Einzelhandel. Durchgängig gab es mehr Laufkundschaft. Etwa die Hälfte der Betriebe verzeichneten höhere, je ein Viertel unveränderte bzw. niedrigere Umsätze. Die Ursachen für unveränderte bzw. rückläufige Umsätze, so ein Teil der Betriebe, sei aber nicht unbedingt auf die temporäre Fußgängerzone zurückzuführen. Es könne auch am im Vergleich zum Vorjahr schlechteren Wetter bzw. dem allgemeinen Rückgang des stationären Einzelhandels liegen.

VERKEHR: Trotz der starken zeitlichen Einschränkung der Anlieferungszeiten (23-11h) hat sich nach Aussagen der Logistiker sowie der Belieferten im Quartier der Lieferverkehr insgesamt eher verbessert. Bei guter Abstimmung zwischen den Betrieben und Logistikern konnte der Aufwand sogar verringert werden. Wesentlich dazu beigetragen haben feste und flexible Logistikzonen. Zuvor waren potenzielle Logistikflächen in der Regel immer zugeparkt. Problematisch war morgens vor 11 Uhr der private Kfz-Verkehr: Offene Zugänge wurden zur Durchfahrt und zum widerrechtlichen Parken genutzt. Mit einem personalintensiven Eingangsmanagement zwischen 8 und 11 Uhr gelang es jedoch, die Fußgängerzone weitgehend intakt zu halten. Auf Abschleppen wurde bewusst verzichtet.

Die Verkehrszählungen in der Zeit von 8 bis 11 Uhr sehen den Fußverkehr weit vorn: 300 je Stunde, 70% auf der Kleinen Johannisstraße, 30 % auf der Schauenburger Straße. Fahrräder, 30 je Stunde, bevorzugten die Schauenburger Straße (60%). 11 Lieferfahrzeuge pro Stunde waren gut abzuwickeln – lediglich übergroße Fahrzeuge hatten Probleme, allerdings weniger als vor dem 1. August. Bei offenem Zugang fuhren pro Stunde ca. 20 Privat-Pkw in das Quartier.

Finanzierung: Das Projekt hat insgesamt rund 180.000 € gekostet. Je ein Drittel trugen die Bezirksversammlung Mitte, Spender sowie ehrenamtliches Engagement. Hauptausgaben waren die Miete von Verkehrszeichen und Sperren, der personelle Aufwand für die „Schleusenlösung“ täglich zwischen 8 und 11 Uhr, die Möblierung und Gestaltung des öffentlichen Raums, das Kulturprogramm sowie Kosten für Konzeption und Auswertung.

Wünsche an die Fortsetzung des Projektes Fußgängerzone

Grundsätzlich fordern 93 % eine Fortsetzung des Projektes im kommenden Jahr. Auch Grundeigentümer, Gastronomen, Händler und Berufstätige im Quartier wollen eine Fortsetzung. Die meisten präferieren einen Zeitraum von April/Mai bis September/Oktober. Andere können sich eine ganzjährige Fußgängerzone auch vorstellen, vorausgesetzt, es gäbe dann eine eigene und andere Gestaltung für das Herbst/Winter-Halbjahr. 49% der Befragten plädieren für eine schrittweise Entwicklung des Fußgängerzone, 44% dagegen für einen einmaligen Umbau mit hohem Standard. Vor allem die Grundeigentümer stören sich an der diesjährigen improvisierten Möblierung und Gestaltung. Nicht wenige Händler und Gastronomen sehen dies anders: Eine zu perfekte Gestaltung könnte Gentrifizierungseffekte zur Folge haben. Mieterhöhungen würden dann in der Folge den derzeitigen Charme des Quartiers gefährden.